Publication Type:

Conference papers

Authors:

Raphael Susewind

Source:

Gewalt in Südasien (AK Neuzeitliches Südasien, DGA), November 19, Hamburg (2010)

Keywords:

Gujarat

Abstract:

Der anti-muslimische Pogrom im indischen Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002 steht paradigmatisch für den Zusammenhang von politisierter Religion und politischer Gewalt in Südasien. Doch zu Gewalt gehört Frieden, und die "Ambivalenz des Sakralen" (Appleby, 2000) entzieht sich klarer Festlegung. Mein Beitrag dekonstruiert anhand ethnographischer und sozialpsychologischer Daten aus einer empirischen Typologie zu muslimischen FriedensaktivistInnen in Gujarat gängige und eingängige Vorstellungen über die Verbindung sowohl von Religion und Politik als auch von Gewalt und Frieden. "Glaubensbasierte Akteure" stützen ihren Aktivismus mit detaillierten moralischen Geboten und intensiver Gruppenidentifikation; sie interpretieren die Realität in dogmatischen Schemata und erleben sich als Kollektivsubjekt – auch wenn ihre religiösen und politischen Praktiken, theologischen Konzepte und Ingroup-Definitionen de facto erheblich unterschieden. "Säkulare Entwicklungstechnokraten" im Gegenzug verankern ihre Friedensarbeit weder in Glaubenssätzen noch fühlen sie sich anderen Muslimen besonders zugehörig; sie waren und sind religiös unmusikalisch. Doch im Gegensatz zu "sich emanzipierenden Frauen" und "zweifelnden Profis", denen ein paralleles Paper gewidmet ist, ähneln beide Gruppen in der Sozio- und Psychodynamik ihres Aktivismus dem Profil religiöser Gewalttäter, das der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar in seinen Studien beschreibt. Von dieser und weiteren Überraschungen handelt mein Beitrag – und zeigt so auch die Erkenntnismöglichkeiten eines methodischen Fokus auf die Mikroebene für die Forschung zu religiös-politischen Konflikten Südasiens auf.