The following book review first appeared in ASIEN / The German Journal on Contemporary Asia 127 (see entry in my publication list) and is reprinted here with permission. The book itself is here.

P. Ghassem-Fachandi: Pogrom in Gujarat. Hindu nationalim and anti-Muslim violence in India

Princeton: Princeton University Press, 2012, 335 S., EUR 25,99

Im Frühjahr 2002 wurde die Heimat Mahatma Gandhis, der indische Bundesstaat Gujarat, Schauplatz der schlimmsten anti-muslimischen Ausschreitungen im Land seit den 1970er Jahren; mit staatlicher Duldung und teils Unterstützung wurden über 2000 Menschen ermordet. In den vergangenen Monaten, zehn Jahre später, fielen auf Drängen des Supreme Courts und gegen großen Widerstand in Gujarat selbst erste Urteile gegen die Täter – zuletzt spektakulär gegen eine ehemalige Ministerin im Kabinett von Narendra Modi (BJP), die wegen Verschwörung zu Mord und anderen Delikten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Gerade weil die rechtliche Aufarbeitung langsam zu greifen beginnt, kommt Ghassem-Fachandi's Studie zum „Pogrom in Gujarat“ zur rechten Zeit: denn auf der einmaligen Grundlage ethnographischer Feldforschung vor, während, und nach den Ausschreitungen selbst richtet er den Blick auf die Komplizenschaft der schweigenden Mehrheit, auf Gerüchte, Gefühle und Stereotype, auf Verantwortung jenseits juristischer Kategorien. Und er analysiert treffsicher und detailliert den kulturellen Nährboden dieser Komplizenschaft: ein Konglomerat aus Gandhi's ahimsa, militantem Vegetarismus und cow protection, der Produktion von Ekel und anti-muslimischer Ressentiments, das weite Teile der Mittelschicht in Zentral-Gujarat durchsetzt hat (der ursprüngliche Untertitel seiner Dissertation lautet dann auch „pogrom at the deep end of non-violence“). Damit füllt sein Buch eine klaffende Lücke in vielen Publikationen zu „Gujarat 2002“.

In seiner Einleitung reflektiert Ghassem-Fachandi seine Methodik und Begriffe (explizit auch vor dem Hintergrund seiner Biographie als Deutscher) und präsentiert sein Kernargument: dass ahimsa eben nicht nur Gandhianische Gewaltfreiheit, sondern in erster Linie einen Schutzmechanismus gegen rituell notwendige Gewalt bezeichnet – und dass weite Teile der Gesellschaft Gujarats den Pogrom gegen Muslime als ebensolche rituell notwendige Gewalt, nämlich als vermeintlich natürliche Gegenreaktion gegen einen muslimischen Fremdkörper, und somit als Vollendung – und nicht als Widerspruch – des gewaltfreien Befreiungskampfes Gandhis begreifen.

Der Hauptteil des Buches beginnt daraufhin mit drei detaillierten Kapiteln zum Pogrom selbst: zum Brand eines Zugabteils in Godhra, bei dem 59 hindunationalistische Aktivisten in Gegenwart eines muslimischen Mobs ums Leben kamen (und der als Vorwand für die folgenden Ausschreitungen instrumentalisiert wurde), zur Rolle der Medien im Übergang von diesem incident zum staatlich gestützten pogrom, und schließlich zur Dramatik wie Banalität der eigentlichen Gewalt in Ahmedabad. In diesen Kapiteln gelingt es Ghassem-Fachandi die erste große Stärke seines Buches auszuspielen: er war als teilnehmender Beobachter sowohl vor als auch während und nach dem Pogrom vor Ort, konnte sein weites Netzwerk aus Kontakten nutzen, mit eigenen Augen sehen, und aufzeichnen was Nachbarn, Freunde und zufällige Bekannte im sprichwörtlichen Eifer des Gefechts äußerten, wie sie die Ereignisse erlebten, interpretierten, duldeten – und damit erst ermöglichten.

Die nächsten drei Kapitel verdichten und vertiefen diese dichten ethnographischen Eindrücke und arbeiten schrittweise auf Ghassem-Fachandi's Kernthese hin; sie behandeln die Mechanismen der Entmenschlichung, die Rolle von Ekel und Faszination des Fleischessens darin, und schließlich die Neuinterpretation von ahimsa im “vibrant vegetarian Gujarat” unserer Zeit (so die Überschrift von Kapitel sechs). Die letzten beiden substantiellen Kapitel behandeln die räumliche Dynamik des Pogroms sowie die Rolle des Staates – und schließen damit an andere Bücher zum Thema an. Schließlich blickt Ghassem-Fachandi in einem “postscript” aus heutiger Sicht zurück auf die Zeit seiner Feldforschung – und stellt ernüchtert fest, dass der kulturelle Nährboden des Pogroms und die Komplizenschaft die ihn erst ermöglichte nach wie vor virulent sind – auch wenn endlich die ersten juristischen Urteile fallen.

Die vorliegende Studie ist eine detaillierte, empirisch wie analytisch überzeugende und damit kaum zu ignorierende Intervention in vorherrschende Diskurse zu Hindu-Nationalismus und anti-muslimischen Ausschreitungen in Indien. Zu oft und zu voreilig werden diese in Indien selbst wie in der internationalen wissenschaftlichen Diskussion auf “die Politik” geschoben, deren Wahlkampf-Kalküle “die Religion” kapern und instrumentalisieren und so zu bedauerlichen, aber letztlich nicht weiter beunruhigenden Gewaltausbrüchen beitragen. Basierend auf einmaligen ethnographischen Erfahrungen und origineller wie präziser Analyse schafft Ghassem-Fachandi es, dieser unzulässigen Vereinfachung einen wuchtigen Riegel vorzuschieben – die zweite große Stärke seines Buches. „Pogrom at the deep end of non-violence“ ist ein Werk, an dem die Disziplin auf lange Zeit nicht vorbeikommen kann – und eine große Bereicherung für einen oft all zu flachen, vergruppenden und wenig nachdenklichen Diskurs.

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