The following book review first appeared in ASIEN / The German Journal on Contemporary Asia 118 (see entry in my publication list) and is reprinted here with permission. The book itself is here.

T. Benedikter: Language Policy and Linguistic Minorities in India: An appraisal of the linguistic rights of minorities in India

Münster: LIT Verlag, 2009, 232 S., EUR 29,90

Benedikters Buch versteht sich als Versuch, sprachliche Minderheiten in Indien, die sie betreffenden Mißstände und rechtliche Schutzbestimmungen in einem gruppen- und menschenrechtlichen Ansatz zusammenfassend vorzustellen. Der Autor, ein Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler an der European Academy in Bozen und Aktivist der Gesellschaft für bedrohte Völker, entwirft in zehn Kapiteln und zahlreichen Tabellen ein umfangreiches Panorama sprachlicher Minderheiten und sprachpolitischer Programme auf nationaler und bundesstaatlicher Ebene, mit besonderem Fokus auf Adivasi-Sprachen. Die ersten beiden Kapitel sind historisch angelegt (ab der Unabhängigkeit). Es folgt ein theoretisches Kapitel mit einer Typologie sprachlicher Minderheiten, welches versucht, verfassungsrechtliche, linguistische und ethnologische Ansätze zu verbinden. Zwei weitere Kapitel widmen sich rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen des Minderheitenschutzes, gefolgt von einer detaillierteren Auseinandersetzung mit der besonderen Situation von Adivasis sowie der Rolle von Minderheitensprachen im Bildungssektor, in der öffentlichen Verwaltung und in den Medien. Die beiden abschließenden Kapitel diskutieren und kritisieren einen zunehmenden Multilingualismus (der oft in eine Sprachverschiebung zu Lasten der Minderheitssprachen mündet) sowie zentrale Sprachpolitiken Indiens (insbesondere die sogenannte three language formula).

Leider konzentriert sich das Buch tatsächlich auf solche language policies und lässt eine Analyse der diesen zugrundeliegenden politics vermissen. Streckenweise ist die Darstellung legalistisch-deskriptiv und blendet wichtige geschichts- wie politikwissenschaftliche Debatten aus. Im ersten Kapitel etwa bleibt unklar, warum zum Thema nationbuilding sowohl das Moghulreich als auch die Kolonialzeit fast vollständig ausgeblendet wird. Auch die einseitige Beschreibung des indischen Föderalismus als top-down-Prozess im zweiten Kapitel entspricht nicht dem Forschungsstand und ignoriert etwa bottom-up-Entwicklungen im Parteiensystem (Stichwort third electoral system). Selbst im sprachpolitischen Kernbereich zeigt das Buch Schwächen; Hindustani etwa wird nur einmal am Rande erwähnt und Urdu als "language of the Islamic conquerors" (S. 18) dargestellt, was weder die Geschichte der Moghul-Rajput-Herrschaft angemessen zusammenfasst noch die ursprünglich geschlechtliche (und nicht religiöse) Konnotationen von Hindi (weiblich, Familie) und Urdu (männlich, Öffentlichkeit) berücksichtigt. Kernbegriffe wie die three language formula werden erst spät im Manuskript (in diesem Fall auf S. 126) definiert und problematische Verbindungen regionalsprachlicher und chauvinistisch-hindunationaler Bewegungen ausgeblendet (was sich etwa am Beispiel des Karnataka Rakshana Vedike zeigen ließe).

Kernproblem des Buches sind jedoch die unreflektierten Indigenitätsannahmen des Autors und die mangelnde Problematisierung des Spannungsfeldes zwischen gruppenbasierten und individuellen Menschenrechten. So ist etwa die Rede von "162 languages, 116 of which were Indian" (S. 20) oder von "Christianity and other foreign religions" (S. 101); damit wird sowohl den anderen 46 Sprachen in Indien als auch etwa den seit hunderten von Jahren in Südindien lebenden Thomas-Christen (und natürlich auch den vielen heutigen Christen, darunter gerade auch viele der dem Autor so wichtigen Adivasi) das Indisch-Sein abgesprochen. Auch schränkt Benedikter implizit die Ansprüche von "newly immigrated populations" (S. 48) auf sprachliche Rechte ein - die sollen nur sogenannten indigenen Sprachen zu gute kommen. Stellenweise nimmt er zwar differenziertere Forschungsergebnisse zur Konstruktion von Indigenität zur Kenntnis, etwa wenn er einräumt, dass die Unterscheidung von tribal und non-tribal jenseits der verfassungsrechtlichen Kategorie scheduled tribe ethnologisch fragwürdig sei - nur um unmittelbar im Anschluss dann doch zu schreiben: "the social structure of tribal societies is different from that of non-tribal ones" (S. 116). Das ist zumindest in dieser Pauschalität in der Sozialanthropologie bereits seit Jahrzehnten überholt. Zu diesem letztlich orientalistischen Zugriff auf Indigenität passt zuletzt dann auch die unkommentierte, weder kontextualisierte noch in den Argumentationszusammenhang eingebundene Sammlung von Fotos, die sich über das gesamte Buch verteilen. Meist handelt es sich um die Abbildung von jungen tribal students - und das Autorenfoto in der Buchklappe ist eines der wenigen, das nicht mit der detaillierten Stammeszugehörigkeit, sondern mit einer beruflichen Identität untertitelt ist. So wird das Buch zum Paradebeispiel unreflektierter Indigenitätsdiskurse.

Die Kritik setzt sich abschließend auch auf der formalen Ebene des Buches fort. Sind leseunfreundlicher Textsatz und fehlender Index noch verschmerzbar, ist die uneinheitliche Bibliographie und inkonsistente Zitierweise für ein wissenschaftliches Buch inakzeptabel. Zu zentralen statistischen Angaben fehlen Belege sogar vollständig (etwa S. 18), Grafiken sind irreführend beschriftet (etwa S. 99) und Absätze wiederholen sich fast wörtlich (etwa S. 34 oder S. 170). Damit eignet sich das Buch selbst als Überblicksdarstellung des verfassungsrechtlichen Rahmens indischer Sprachplitik und grundlegender Statistiken zu sprachlichen Minderheiten nur bedingt. Dem Fazit des Autors ist wenig hinzuzufügen: "in order to evaluate the real situation of linguistic minorities […] a further detailed assessment has to be made based on appropriate empirical research" (S. 211; Hervorhebung RS).

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Amazing work, thank you for sharing it in full.

Regards,
Alfonso Baldi
Blumen Online

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