The following book review first appeared in ASIEN / The German Journal on Contemporary Asia 117 (see entry in my publication list) and is reprinted here with permission. The book itself is here.

R. Michael Feener, Terenjit Sevea (Hg.): Islamic Connections: Muslim societies in South and Southeast Asia

Singapore: Institute of Southeast Asian Studies, 2009, 245 S., USD 39,90

Seit einigen Jahren wächst das Interesse an subregionalen Vergleichen zwischen Südasien und Südostasien sowie an transnationalen Netzwerken rund um den indischen Ozean. Der vorliegende Sammelband fasst in diesem Kontext erste Ergebnisse des "Islamic Connections Project" zusammen, das seit 2007 am ISEAS in Singapur angesiedelt ist. Die Herausgeber, beide Historiker und Islamwissenschaftler, wollen dabei nicht nur die vermeintliche Dominanz des Nahen Osten als zentralem normativem Bezugspunkt muslimischer Gesellschaften hinterfragen. In 12 Kapiteln versuchen die verschiedenen Autoren darüber hinaus, das noch grundlegendere Narrativ einer Islamisierung von West nach Ost - also von der arabischen Halbinsel nach Indien nach Südostasien - durch ein dezentrales Netzwerk-Modell zu ersetzen.

Der Sammelband beginnt mit einer wissenschafts- und ideengeschichtlichen Einordnung von Daud Ali. Er beschreibt die Genese vor allem der indischen Geschichtswissenschaft von Kolonialhistoriographie über postkolonialen Empirizismus hin zu einer marxistisch gefärbten Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Insbesondere während den beiden früheren Phasen konzentrierten sich Historiker auf prä-muslimische Kontakte zwischen Süd- und Südostasien; da die Moghul-Rajput-Herrschaft in Nordindien selbst als externer Einfluss interpretiert (und, so muss man ergänzen, die muslimische Geschichte Südindiens ausgeblendet) wurde, erschien ein gleichsam "durchgereichter" Einfluss in Richtung Südostasien als "unauthentisch" und entsprechend uninteressant. Erst in den letzten Jahren und mit dem Aufkommen der area studies begann die Geschichtswissenschaft, dieses Defizit aufzuarbeiten - wovon die folgenden Kapitel in chronologischer Reihung Auskunft geben.

Sebastian Prange weist in seinem Beitrag mit zahlreichen Belegen aus indischen, arabischen und chinesischen Quellen ein jüdisch-muslimisches Handelsnetz im indischen Ozean zwischen Malabar, Indonesien und China seit dem 9. Jh. nach - mit Südostasien als zentralem Knotenpunkt. In diesem Netzwerk ging es sowohl um Handelsinteressen als auch um die Verbreitung sufistischer Traditionen - ein Seitenhieb auf Theoretiker einer einseitig spirituellen "Islamisierung" Südostasiens. Torsten Tschacher führt den Gedankengang chronologisch weiter und zeigt am Beispiel tamilischer Quellen in Südindien und Malay, dass die anbrechende Kolonialzeit zwar die Handelsnetze, nicht jedoch den intellektuellen Austausch und die Zirkulation tamilischer Texte störte - im Gegenteil. Ronit Ricci beschreibt dann auch, wie das Aufkommen von Druckpressen die Dissemination und Inkulturation des "Buchs der 1000 Fragen" auf Java beschleunigte. Jan van der Putten schließlich weitet den Blick auf performante Medien wie das Theater und betont dabei vor allem die kreative Rolle von minorities-in-minorities - am Beispiel von Parsis, die unter Indern unter Malaien die Transmission, Zirkulation und Kommerzialisierung religiöser und folkloristischer Praktiken organisierten.

Im Kontrast zur Rolle kreativer Minderheiten in der transnationalen Zirkulation betont Kees van Dijk den strukturierenden Einfluss der Kolonialmächte auf solche "Muslim Connections". Sowohl Niederländer als auch Briten fürchteten im Ersten Weltkrieg eine Solidarisierung von Muslimen in den Kolonien mit dem osmanischen Reich und Deutschland - welches bereits begann, Propagandamaterial über Südostasien nach Indien zu schmuggeln. Die Kolonialmächte reagierten prompt - unter anderem, indem sie Ergebenheitsbekundungen indischer Muslime (etwa des Aga Khan) breit in Südostasien streuten.

Die letzten Beiträge des Sammelbandes schließlich widmen sich zunehmend detaillierten Studien zum 19. und 20. Jahrhundert. Das Kernargument liefert dabei Iqbal Sevea, der am Beispiel des Umgangs der Ahmadiyya mit Printmedien zeigt, wie die Fragmentierung religiöser Autorität im Zuge der Modernisierung zu einer multipolaren und nicht-territorialen Re-Hierarchisierung und Transnationalisierung muslimischer Diskurse führt. Terenjit Sevea führt den Gedanken fort und zeigt am Beispiel einer malaysischen Madrassa in den Nordwest-Grenzgebieten Pakistans und in Auseinandersetzung mit Maududi und Natsir, dass solch diskursive Dezentralisierung durchaus selbstbewusst von wichtigen muslimischen Akteuren in beiden Regionen selbst vorangetrieben wurde. Die Grenzen dieses Prozesses thematisiert Peter Riddell am Beispiel von Nik Abdul Aziz (dem heutige chief minister im malaysischen Bundesstaat Kelantan), der ebenso wie bereits Nur al-Din al-Raniri im 17. Jahrhundert stark von der Darul Uloom in Deoband in Nordindien geprägt wurde. Ähnlich argumentiert auch Farish Noor, dem während seiner ethnographischen Feldforschung in Konversions-Narrativen südostasiatischer Anhänger der Tablighi Jamaat immer wieder die Imagination Indiens als Zentrum der muslimischen Welt auffällt. Zwar sind diese Muslime keineswegs passive Rezipienten - aber Rezipienten bleiben sie dann doch. Es gab und gibt also bei aller Fragmentierung doch bedeutende Zentren (ähnlich auch Rob Rozehnal am Beispiel der Ausbreitung des Chishti Sabiri Sufi-Ordens von Pakistan nach Südostasien).

Damit werden bereits die zentralen Kritikpunkte am Sammelband von Feener und Sevea deutlich. So lobenswert es ist, eine einseitige Ost-West-Transmission nicht a priori anzunehmen, zeigt sich ebendiese Hierarchie zwischen Süd- und Südostasien dann eben doch - nämlich in den empirischen Befunden (etwa bei Ricci, van Putten, Sevea, Noor, Rozehnal). Auch transnationale zirkuläre Netzwerke kommen nicht ohne Zentren und Binnenhierarchie aus - und die lagen und liegen nun einmal eher in Süd- als in Südostasien. Selbst der Nahe Osten kommt durch die Hintertür wieder mit herein - etwa wenn Tschacher festhält, dass die meisten Tamil-Lehnworte in Malay arabischen Ursprungs sind, also auf eine doppelte - und klassisch west-östliche - Transmission hinweisen.

Abgesehen von den Grenzen der Zirkulationstheorie rächt sich in vielen Beiträgen auch eine bereits in der Einleitung auffindbare begriffliche Unschärfe: geht es tatsächlich um (uni- oder bidirektionale) Verbindungen, wie der Titel des Sammelbandes nahelegt, oder nicht doch eher um Parallelen oder Gemeinsamkeiten? Hier verzichtet der Sammelband leider auf die ansonsten vorhandene Präzision. Dies ist sicher nicht zuletzt auch den Schwierigkeiten und Grenzen eines solch ambitionierten Forschungsprogramms geschuldet, das "eigentlich" plurilokale ethnographische oder historische Forschungen erfordert - und damit einen hohen Ressourceneinsatz und breite Sprachkenntnisse. Wenn beides, wie im Beitrag von Prange, vorhanden ist, wird der Band beeindruckend - das ist jedoch nicht bei allen Beiträgen der Fall. Neben dem Versprechen der Plurilokalität wird schließlich auch jenes der Interdisziplinarität nur teilweise erfüllt; abgesehen von Noor und Rozehnal handelt es sich bei fast allen Beiträgen um historische Ansätze. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ärgerliche Verkürzungen, wie etwa die unreflektierte Übernahme der Selbstbeschreibung der Tablighi Jamaat als "unpolitisch" (in der Einleitung) ließen sich durch ein breiteres interdisziplinäres Gespräch verhindern.

Dennoch: der Sammelband ist gerade auch in Anbetracht der skizzierten Herausforderungen und bei aller Begrenztheit ein beeindruckender Start in ein spannendes Forschungsprojekt. Fast alle Beiträge stützen sich auf wuchtiges empirisches Material (welches gut auch die eine oder andere Monographie hätte füllen können) und die Argumente der Autoren werden differenziert und überzeugend dargelegt. Positiv fällt auch die sorgfältige Redaktion (einschließlich 12 farbiger Grafiken und eines ausführlichen Index) auf. Man darf also auf den nächsten Sammelband des Projektes gespannt sein - und bis dahin angeregt in den "Muslim Connections" schmökern!

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